Der Staub der Türme

Auszug aus "Untrügliche Spuren" zur Eröffnung der Ausstellung "Zwischen Ruhe und Spannung" in der Kunsthalle Koblenz von Rolf Tiedemann:

 

Rumps im Zusammenhang mit Nine-eleven enstandener, bis jetzt etwa 25 Arbeiten umfassender Zyklus "Der Staub der Türme" stellt eine Fortführung der Konzeption dar, denen die Grabstelen "Vom Tode" und "Schwarze Milch" zu danken waren. Auch jetzt riesige, aufrecht an der Wand stehende, drei Meter lange Gerüstbretter, von einer olivgrün-grauen, gipsartigen Masse aus Schiefermehl und Leim überzogen, aus der mit Spachtel und Pinsel Strukturen, Wülste und Narben herausgearbeitet, mit Mamorstaub bestäubt und schließlich fixiert und lackiert worden sind. Wie bei den Celan-Bildern nirgends ein direkter Bezug auf die allgegenwärtigen Vernichtungslager zu finden ist, so evoziert auch beim "Staub der Türme" nur noch der Titel den Terroranschlag von New York: wenn der Betrachter sich nämlich erinnert, daß von den zusammengestürzten Türmen des World Trade Centers berichtet wurde, daß noch Tage nach der Katastrophe alles in der Umgebung von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Mag man die aneinandergerückten Stelen unwillkürlich mit den Opfern eines Exekutionskommandos assoziieren (" Kugelfang an / der verschütteten Mauer" heißt es in "Engführung": so scheinen Dichtung und bildende Kunst das gleiche Bild zu finden), - gemalt hat Rump jene tödliche Ruhe, die als Wirkung des monströsen Feuersturms vom 11. September real zurückgeblieben war; eine Ruhe, die an das Schweigen gemahnt, dem in den späten Stücken Becketts nachgehört wird. Von Rumps Bildern, Objekten und Installationen gilt, was Adorno über die Gedichte Celans geschrieben hat: sie sind "durchdrungen von der Scham der Kunst angesichts des wie der Erfahrung so der Sublimierung sich entziehenden Leids". Es scheint bereits eschatologische Ruhe zu herrschen, die Ruhe letzter Dinge vorweggenommen zu sein.

Rolf Tiedemann, Herausgeber der Werke Theodor W. Adornos und Mitherausgeber der Werke Walter Benjamins, war von 1985 bis 2002 Direktor des Theodor W. Adorno Archivs in Frankfurt.

 

 

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© Aloys Rump