Justus Jonas

Eröffnungsrede "von Vorgewußt bis jetzt"

 

Orgelmuseum Windesheim 28.05.2006

Aloys Rump ist einmal als "literarischer" Maler bezeichnet worden. Wie kann das angehen, wo er sich doch offensichtlich als ein abstrakter, informeller Künstler zu erkennen gibt? Aloys Rumps Bilder und Objekte sind schließlich nicht erzählerisch oder anekdotisch, ja nicht einmal von einer wiedererkennbaren Gegenständlichkeit. Dennoch: sie zeigen Spuren, Aufbrüche, Wunden, narbenähnliche Verkrustungen, sie handeln von Bewegung und innerer Bewegtheit, von Wiedererinnern und Entreißen aus der Vergessenheit, sie sind still und trotzdem zugleich von einer brodelnden Oberfläche, die jederzeit zu bersten droht, einer "subkutanen" Nervosität, wie ich es einmal nennen möchte. Darüber hinaus haben die Striche und Gesten in den Bildern eine deutliche Affinität zu Schrift und Geschriebenem, und in diesem Sinne kann man sie auch literarisch nennen, weil sie "lesbar" sind.
"Von Vorgewußt bis Jetzt" ist mehr als eine bildnerische Hommage an den großen deutschsprachigen Lyriker. Die Titel der Gedichte Celans, auf die sich Rump bezieht, sind den Bildern buchstäblich eingeschrieben, wenn auch mehr oder minder entzifferbar, zugleich sind sie aber auch abstrakter graphischer Duktus und damit Ausweis einer genuinen künstlerischen Handschrift. Aus Worten wie "Zwiegestalt", "Heute" oder "Anredsam" erwachsen lineare Geflechte, die sich verselbständigen und das Geschriebene bis an den Rand der Unkenntlichkeit treiben. Dies geschieht im Zuge von Auskratzungen und hektischen Durchstreichungen, die im Zusammenspiel mit umflorenden Lichtzonen meist eine bestimmte Passage des Bildes akzentuieren. Diese Tilgung des Geschriebenen aus und durch sich selbst geht weit, doch wiederum nicht so weit, dass das semantische völlig verschwindet, im Gegenteil: Aus dem beharrlichen Festhalten eines Restes von Zeichenhaftigkeit geht Bedeutung gerade bestärkt wieder hervor.
So wenig wie die Summe der Wortbedeutungen den Sinn eines Celan-Gedichtes ausmacht, so wenig erschöpft sich der Gehalt der Celan-Bilder Rumps in der Paraphrase ihrer Titel. Aus Linie und Farbe erwachsen vielmehr Ahnungen und Anmutungen, die der jeweiligen Sinngebung ebenso viel Spielraum lassen wie der Interpretation einer Zeile Celans. Ich bin mir unschlüssig, ob man Rumps Bilder "Interpretationen" von Gedichten Celans nennen könnte, nur eines ist sicher: jede Bezugnahme, die weniger vielschichtig, weniger kryptisch erschiene, wäre wohl von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

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© Aloys Rump